„Amok im Kopf“: Kann man mit Amokläufen Geld verdienen?

Der Amokläufer vom Münchner Olympia Einkaufszentrum las das Buch „Amok im Kopf“ von Peter Langman. Ein Sachbuch über Schul-Amokläufe. Durch Spekulationen und Medienberichterstattung wurde es binnen 24 Stunden zum Bestseller. Autor, Verlag und Buchhändler profitierten vom Ausnahmezustand in München. Dieser Artikel beschreibt die Hintergründe sowie einen Selbstversuch, ein Stück vom Kuchen des Geschäfts mit der Negativpresse abzubekommen und in etwas Gutes umzuwandeln.

Der Fänger im Roggen

Auch schon früher spielten Bücher eine Rolle bei Attentaten. Am 8. Dezember 1980 erschoss der Amerikaner Mark David Chapman den britischen Musiker John Lennon auf den Stufen des Dakota Buildings in New York. Bei sich trug er während der Tat neben der Tatwaffe, einem Revolver des Kalibers 38 auch eine LP Lennons mit dem Titel Double Fantasy sowie eine Ausgabe des Buches „Der Fänger im Roggen“ („Catcher in the Rye“) von J.D. Salinger.

Chapman identifizierte sich stark mit der Hauptfigur Holden Caulfield und war von dem Roman begeistert. Später gab er an, mit seiner Tat den Roman weltberühmt machen zu wollen und sogar, in dem Roman die Aufforderung gelesen zu haben, eine Berühmtheit zu töten, um selbst berühmt zu werden. In seinem Hotelzimmer fand sich eine Anwesenheitsquittung seiner Arbeitsstelle auf Hawaii, die er mit John Lennon unterschrieben hatte sowie eine Bibel, der er beim Titel „The Gospel of John“ (das Johannesevangelium) mit Kugelschreiber das Wort „Lennon“ hinzufügte.

Amok im Kopf

amok-im-kopf2009 veröffentlichte der renommierte US-Psychologe Peter Langman ein Sachbuch unter dem Titel „Why Kids Kill“, das in Deutschland unter dem Buchtitel „Amok im Kopf: Warum Schüler töten“ erschien. Darin untersuchte Dr. Langman, der schon als Berater für Bundesregierungen und das FBI gearbeitet und sich einen Namen in der Gewaltprävention und Vermeidung von Schulmassakern gemacht hat, zehn Amokläufe an amerikanischen Schulen wie beispielsweise das Columbine Massaker.

Als die Polizei am Samstag, den 23. Juli 2016 das Zimmer von David „Ali“ S. in der elterlichen Wohnung in der Münchner Maxvorstadt durchsuchte, fand sie neben vielen Zeitungsausschnitten, Notizen und Recherchen zum Thema Amok auch Langmans Buch. David S. war einen Tag zuvor am frühen Freitagabend am Münchner Olympia Einkaufszentrum Amok gelaufen. Die Tat war minutiös geplant. Der Deutsch-Iraker, der neun Menschen erschoss und viele weitere verletzte, hatte via Facebook versucht, möglichst viele türkische Jugendliche an den Ort des Massakers zu locken. Ausgewählt hatte er bewusst den fünften Jahrestag des Breivik Attentats von Oslo und Utøya.

Diese Pressekonferenz gab den Auftakt zur Berichterstattung über das Buch

Die Reaktion der Presse

Die einen atmeten auf, dass die Tat keinen terroristischen Hintergrund hatte. Die anderen begannen bereits, einen Schuldigen zu suchen. Nachbarn und Mitschüler wurden gefunden. David S., der sich selbst im Internet „Hass“ nannte und Bewunderung für den Amokläufer von Winnenden äußerte, wurde in der Schule gemobbt und war Counterstrike-Spieler. Auch in psychologischer Behandlung soll er gewesen sein. Was aber brachte ihn dazu, Amok zu laufen? Neben den vielen Ansatzpunkten, die der gesundheitliche und soziale Hintergrund des jungen Massenmörders bot, suchten immer mehr Medien auch die Schuld in der Sachliteratur.

„Amok im Kopf“ wurde schnell ein geflügeltes Wort in der Schlagzeilenberichterstattung. Der Express beispielsweise fragte sogar „Hat dieses Buch Ali David S. zu seinem Amoklauf inspiriert?“ und „Haben diese Fälle, die normale Menschen entsetzen, bei einem psychisch kranken Hirn wie David genau das Gegenteil ausgelöst?“ – Kann ein Buch Schuld an einem Amoklauf sein? Langman selbst verneint dies übrigens in seinem Buch. Schnell war der Autor gefunden und interviewt. Es fühle sich komisch an, gab er gegenüber der Berliner Morgenpost zu Protokoll. Bereits 2013 war sein Buch im Zusammenhang mit einem Amoklauf aufgetaucht. Der STERN fragte daraufhin sogar: „Hat dieser Mann ungewollt eine Amok-Anleitung geschrieben?

Das Geschäft mit der Negativpresse

Hat er sicher nicht. Langman gibt in seinem Buch sogar einige Anleitungen, wie man Amokläufe verhindern kann. Dennoch wirkte die Medienberichterstattung wie ein Abverkaufsmagnet für das Buch des US-Psychologen. Binnen 24 Stunden avancierte das Buch auf den Amazon Bestseller-Listen zur Nummer 1 in der Kategorie „Kinder & Gewalt“. Bis auf 89,90 Euro schnellte der Preis für die broschierte Auflage hoch. Medienberichte verdrängten die 2009er-Buchbesprechungen von der ersten Seite der Google Suchergebnisse. Buchhändler dürften dieser Tage einen erstaunlich guten Umsatz mit dem Sachbuch machen.

Der Selbstversuch

Noch während die Pressekonferenz lief, in der die Münchner Polizei erstmals live von dem Buchfund berichtete, entschloss ich mich mit Blick auf die zu erwartende Nachrichtenschlacht, ein Experiment einzugehen. Ich registrierte kurzerhand die Domain „amok-im-kopf.de“ – das dauerte 5 Minuten. Eine Stunde später war die Domain mit dem Webspace konnektiert, noch eine Stunde später stand die erste Version der Seite. Seitdem entwickle ich die Seite permanent weiter. Vom simplen Rip-Off der Amazon Produktbeschreibung a.k.a. dem Klappentext des Buches hangelte ich mich entlang an Zusammenfassungen von Buchrezensionen sowie der aktuellen Nachrichtenlage.

Ich habe mich entschlossen, alle Provisionen, die mit dem Verkauf des Buches über meine Seite generiert werden, (noch nicht näher bestimmten) gemeinnützigen Zwecken in und um München zu spenden. Ich denke da an Seelsorgen, Jugendzentren, o.ä. Im Moment, in dem ich diesen artikel schreibe habe ich allerdings auch noch keinen einzigen Cent verdient. Ich habe sogar lange gezögert, ob dies ein adäquater Weg ist. Menschen haben Familienmitglieder verloren, eine Stadt war in Angst und im Ausnahmezustand. Ich habe Familie, Freunde und Kollegen in München. Ich glaube aber, dass die Menschen, die das Buch nun kaufen wollen, dies ohnehin tun – was im Übrigen gut ist, weil es darum um Früherkennung und Prävention geht. Dabei möchte ich gerne ein paar Euro Provision abknüpfen und diese denen zuführen, die am stärksten unter der aktuellen Situation leiden.

Ich werde hier über das Fortschreiten des Projektes berichten. Aktuell ist es mir noch nicht gelungen, mit dem Onepager gegen die Übermacht der Presseseiten anzuschreiben. Kein Wunder. Natürlich bewertet Google die Nachrichten-Dickschiffe wie FOCUS, STERN, BILD & Co deutlich stärker als eine brandneue Domain mit nur wenig Content, keinen Backlinks und einer Reihe ausgehender Affiliate-Links. Für den Buchtitel rankt meine Seite auf Seite 4 der Google-Suchergebnisse. Für die Kombination mit „kaufen“ immerhin auf Seite 2.

Was mich an diesem Versuch interessiert ist: Kann man mit Nachrichtenlagen Geld als Affiliate-Publisher verdienen? Autor, Verlag und Buchhändler profitieren in jedem Fall von dem erhöhten Interesse an dem Buchtitel. Wenn meine Seite gut rankt, lässt sich das vom Volumen her halbwegs einschätzen. Stark überspitzt und polarisierend gesagt interessiert mich auch einfach die Frage: „Kann man mit Amokläufen Geld verdienen?“ Bisher sieht es noch mau aus.

Amok im Kopf Einnahmen*
Domainregistrierung -5,00€
Einnahmen Affiliate 3,40 €
 Kontostand (Summe) -1,60€ 

*Stand: 28.07.2016

Update: Einige Tage lang ist gar nichts passiert. Mittlerweile ist einmal „Amok im Kopf“ verkauft worden und je einmal drei weitere Bücher über Amokläufe.

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