#DeineWahl: Vier Youtube-Stars interviewen Kanzlerin Merkel

Wenn es nach den Menschen in Deutschland geht, sieht in aktuellen Umfragen alles danach aus, dass Angela Merkel auch zukünftig die Bundeskanzlerin bleiben wird und ihre Partei, die CDU bei der Bundestagswahl im September als Siegerin hervorgehen wird. Es war also nicht zu erwarten, dass das Youtube-Interview Merkels großartig etwas daran rütteln würde.

Merkels zweites Youtube-Interview

Trotzdem wurde dieses Interview von der Netzgemeinde fast noch mehr erwartet als das Kanzlerduell mit Martin Schulz. Erst zum zweiten Mal in den 12 Jahren ihrer Amtszeit stellte Merkel sich Youtubern zum Interview. Vor zwei Jahren ließ sie sich vom Youtuber LeFloid befragen. Vier Youtube-Stars stellten ihre Fragen, die thematisch zu Blöcken zusammengefasst waren. 55.000 Youtuber schauten sich das Interview im Livestream an. unterbrochen wurde das Interview von Einspielern und dem Verlesen von Kommentaren der Twitter- und Youtube-Szene. Die Yoututube-Interviewer waren Lisa Sophie, Ischtar Isik, Mirko Drotschmann und Alexander Böhm. Gemeinsam haben ihre Kanäle eine Reichweite von 3 Millionen Abonnenten. Sie sind jung und genau wie ihre Abonnenten, die Generation Youtube, haben sie keine andere Kanzlerschaft als die von Angela Merkel bewusst miterlebt.

ItsColeslaw: Soziale Gerechtigkeit und Bildung

„Frau Merkel“ sei vollkommen okay, antwortet die Kanzlerin auf die Frage, was denn jetzt die richtige Anrede sei. Außerdem zeigt sie Verständnis für die persönlichen Abiturerfahrungen der Interviewerin. Die wiederum verpasst es, bei der Ehe für alle noch stärker nachzuhaken.

Lisa Sophie betreibt den Youtube-Kanal ItsColeslaw mit rund 243.000 Abonnenten. Ihre Themen sind aus dem Leben gegriffen und ein wenig im Stil eines Videotagebuchs. Sie spricht über peinliche Momenten beim Arzt, ihre liebsten Podcasts und Serien. Sie gibt Heranwachsenden, Schülern und Studenten Tipps aus ihrem Leben. Für den WDR war sie bereits als Youtube-Online-Journalistin in einer Interviewreihe unterwegs. Die 20-Jährige studiert Psychologie in Köln und ist Autorin des Buches „Wie ich aufhörte, perfekt sein zu wollen: Ein Leitfaden zum Umgang mit peinlichen Situationen aller Art„, das in diesem Jahr herauskam.

Soziale Gerechtigkeit, Bildung & Gehälter

Die Youtuberin fragt nach den Themen soziale Gerechtigkeit. Wie Merkel verhindern möchte, dass die soziale Schere noch weiter auseinander driftet, möchte sie konkret wissen. Merkel berichtet von der halbierten Arbeitslosigkeit und der Einführung des Mindestlohns. Angreifen möchte sie vor allem bei der Langzeitarbeitslosigkeit, auch um der nächsten Generation bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verschaffen. Beim Thema Bildung hakt die Interviewerin nach. Sie stammt aus einem Nicht-Akademiker-Haushalt und glaubt dadurch geringere Bildungschancen gehabt zu haben.

Merkel und die CDU setzen sich, so die Kanzlerin neben dem Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz auch für einen Rechtsanspruch auf Nachmittagsbetreuung während der Grundschule ein. Besonders möchte Merkel aber auch die digitale Bildung voranbringen, die in den Schulen noch sehr zu wünschen übrig lasse.

Auch bei den Pflegeberufen sei bereits erreicht wurden, dass diese ohne Zahlung von Gebühren erlernt werden können. Wünschenswert sei es, die Gehälter von Menschen, die mit Menschen arbeiten denen, die mit Maschinen arbeiten, weiter anzugleichen. Eine Abstufung werde es aber immer geben. Auch die Pflegeversicherung sei angehoben worden, um den Pflegebedürftigen und Pflegern zugute zu kommen. zudem wurde Bürokratie abgebaut. Das alles reiche noch nicht, ein Fortschritt sei aber schon sichtbar. Merkel würde jederzeit Menschen ermutigen, einen Pflegeberuf zu ergreifen – wohl wissend, dass es „eine harte aber auch erfüllende“ Tätigkeit sei.

Ehe für Alle als Gewissensentscheidung

Die interessanteste Frage stellt Lisa Sophie zu Merkels Nein-Stimme zur Ehe für alle. Die Antwort ist allerdings (wenn vielleicht auch nicht der Youtube-Generation so doch jedem halbwegs politisch interessierten)  bekannt: Es sei eine Gewissensfrage gewesen und als solche auch bewusst von ihr freigegeben worden, weil sie gemerkt habe, dass es andere Mehrheitsverhältnisse gibt. Für sie sei die Ehe nach dem Grundgesetz aber eine Verbindung von Mann und Frau, sie freue sich aber über die „Befriedung“ der Gesellschaft durch den Beschluss für die Ehe für Alle.

Was ein Schüler können muss

Bildung ist in Deutschland Sache der Bundesländer. Trotzdem soll Merkel sich dazu äußern, wie sie generelle Standards und damit eine bessere Vergleichbarkeit fördern möchte. Die argumentiert über die Kultusministerkonferenz und dass es noch großen Nachholbedarf im Bereich der digitalen Bildung und Ausstattung der Schulen mit Breitbandzugang gäbe. Für die Youtuberin, die sich mit ihrem strengen bayrischen Abitur benachteiligt fühlte, äußert Merkel Verständnis.

Als persönliche Frage muss Merkel beantworten, welche drei Dinge ein Schüler ihrer Ansicht nach nach der Schule können müsste. „Rechnen, schreiben, lesen,“ antwortet die Kanzlerin und wirkt für einen kleinen Moment überrumpelt. Dann fällt ihr ein, dass heute ja alles digital ist und sie ergänzt: „Vielleicht noch programmieren“. Wichtig sei aber immer, dass man sich selbstständig etwas erarbeiten könne. Die Praxisnähe von Schule und Studium hält sie für sehr wichtig.

Zwischenfazit zum ersten Interview

Das Interview ist sehr souverän geführt, aber auch weitgehend harmlos. Die Youtuberin kommt bei aller Sympathie und Professionalität über den Status einer Stichwortgeberin nicht hinaus. Erwartet hat das aber auch niemand. Interessante Nachfragen z.B. beim Mindestlohn, zu dem es in der CDU/CSU einige Widerstände gab, oder zur Ehe für Alle, bei der Merkel vom Koalitionspartner SPD überrumpelt wurde, kommt es nicht, obwohl die Interviewerin offen bisexuell lebt und damit potenziell betroffen ist.

 

Alexi Bexi: Autoindustrie, Technik und Emojis

„Sind ja ihre Fragen,“ kontert Merkel die Zwischenmoderation, das sei ja jetzt alles sehr technisch gewesen. Der Smilie ist Merkels Lieblings-Emoji. Manchmal auch mit Herzchen. Und ab und an wählt sie auch „die Schnute“. Eine große Welle macht sie sonst nicht, aber aufs T-Shirt könne man die ja anstelle eines Spruchs schon drucken.

Alexander Böhm ist 28 Jahre alt. Der ehemalige Regie-Student ist als Medienschaffender unter anderem auch für den NDR auf Youtube unterwegs. Auf seinem eigenen Youtube-Kanal AlexiBexi bespricht er Technik-Gadgets wie die neue NES-Retro-Konsole, den Fidget Spinner Hype oder Technologien wie Augmented Reality. Der Technik-Nerd erreicht damit rund 1,1 Millionen Abonnenten. Bekanntheit erlangte er vor allem für seine deutschen Cover von englischsprachigen Chart-Songs, die dem Zuschauer verdeutlichen sollen, was für ein Unsinn teilweise in Songtexten beliebter Lieder gesungen wird.

Deutschland als Autonation

Das Thema zum Start ist die Auto-Nation Deutschland. Ob VW-Affäre, Abgas-Skandal und der Dieselgipfel etwas daran ändern, möchte Böhm wissen. Die Kanzlerin erwidert, dass die Fehler schonungslos beim Namen genannt und offen aufgearbeitet werden müssen, weil Hunderttausende Arbeitsplätze an der Autobranche hängen. Wenn dies nicht durch die Wirtschaft geschieht, so muss die Politik handeln. Neben der Fehleranalyse gehöre auch dazu, alles für zukunftsfähige Arbeitsplätze zu tun.

Böhm fragt nach, wie die Kontrolle der Automobilwirtschaft zukünftig aussehen soll. Merkel erwidert, in der Vergangenheit sei sich darauf eingelassen worden, die Zulassungskontrolle unter sehr eng eingeschränkten Testbedingungen durchzuführen. Zukünftig werde mehr unter Realbedingungen mit „Real Drive Engine Tests“ kontrolliert werden. Außerdem kann sie sich Stichproben im Straßenverkehr vorstellen. Die studierte Physikerin glänzt mit technischem Autowissen. Ob sie die selbst vornimmt, will der Interviewer daher auch wissen. „Ich glaube nicht,“ antwortet Merkel schlagfertig, „zumindest in meinem jetzigen Amt nicht.“

Pläne für die E-Mobilität

Auch die Elektromobilität ist für Böhm und seine zuschauer von Interesse. Er selbst fahre ein E-Auto eines Nicht-Deutschen Herstellers, gibt er zu. Die deutschen Pendants hätte bisher noch nicht die Leistung. Ob die Kanzlerin ihr Vorhaben, Elektroautos auf die Straße zu bringen, aufgegeben hat, fragt er. „Nein, nein, nein,“ springt Merkel dazwischen. Gerade in Gebeiten, in denen die Stickoxid-Belastung zu hoch sei, wolle sie die Schaffung von Infrastruktur anregen. Ladestationen in Parkhäusern, beim Arbeitgeber gehören dazu. Sie möchte aber auch neuen Technologien gegenüber offen sein.

Der Fuhrpark des Bundes solle mit gutem Vorbild voran gehen. Auch ihr Regierungssprecher und der Bundesverkehrsminister seien bereits mit E-Mobilen unterwegs. Sie selbst fahre einen gepanzerten Wagen, den es als E-Auto schlichtweg noch nicht gibt. Ob die 10 Prozent E-Quote am Fuhrpark nicht nur ein Tropfen auf den heißen stein wären, fragt Böhm weiter. Es sei nur der Anfang, „aber immerhin“, entgegnet Merkel. Der Interviewer stimmt ihr zu. E-Bikes und E-Roller gäbe es aber auch noch, merkt Merkel an. „Viele nur aus China,“ erwidert Böhm. „Gucken Sie mal bei einer Firma, die mit B anfängt,“ ermutigt Merkel den Journalisten. Die habe sie vor einigen Jahren auf der Fahrradmesse in Friedrichshafen beeindruckt. Aber sie wolle ja keine Produktwerbung machen.

Ausbau des Breitband-Netzes

Böhm fordert immer wieder, das Laden von Elektroautos solle kostenlos werden. Merkel aber meint, solange man fürs Tanken zahlt, könne man auch fürs Laden zahlen. Es gäbe als Förderung bereits die Befreiung von der KFZ-Steuer und eine Bezuschussung beim Kauf. Warum der Ausbau von schnellem Breitband-Internet nicht in die Gänge komme, will der junge Mann noch wissen. Der sei bereits in die Gänge gekommen, antwortet die Kanzlerin. Die ländlichen Räume haben aber noch Nachholbedarf, während die Versorgung in den Städten schon gut sei. Mit 4 Milliarden Euro Investition sollen diese auch langsam nachgerüstet werden. 5G sei die Voraussetzung für Telemedizin und autonomes Fahren.

Das sei soweit alles sehr technisch gewesen, leitet Böhm seine persönlichen Fragen ein. „Waren ja ihre Fragen,“ erwidert Angela Merkel. Ob sie ein Lieblingsemoji habe, möchte Böhm dann auch nur wissen. Die Kanzlerin reißt die Mundwinkel nach oben. „Smilie“ ruft sie. „Wenns gut kommt, noch ein kleines Herzchen dran. Und wenn mal nicht sowas gutes war, dann kann man auch die Schnute nehmen.“ Mit der nächsten Frage hat die Kanzlerin so nicht gerechnet. Wenn sie die Möglichkeit hätte, ein Shirt zu bedrucken, welcher Spruch stünde darauf? „Ach du lieber Gott,“ Merkel zögert. ihr fällt nichts ein. Vermutlich würde sie eine schöne Meereswelle drauf drucken, als Erinnerung an ihren Wahlkreis.

Zwischenfazit zum zweiten Interview

Auch dieses Interview ist handwerklich gut geführt. Die Themen sind weitgehend Routine für die Kanzlerin und bieten wenig Angriffsfläche, auch wenn man bei der Automobilbranche durchaus noch weiter hätte nachbohren können. Das alles bietet aber wenig Stoff für wirklich neue Einsichten.

Ischtar Isik: Erstwähler & Feminismus

„Ihr erstes Interview im Leben? Sonst machen Sie immer nur Selbstdarstellung? Produkte oder wie?“ Merkel bringt das Leben der Youtube Influencer mit einem Satz auf den Punkt und wird dafür später von der Presse gefeiert. Die Kanzlerin ist allerdings selbst auch bei Instagram.

Ischtar Isik ist 21 und Beauty-Bloggerin auf Youtube. Die Influencerin, die Shopping- und Lifestyle-Themen mag, veröffentlicht in erster Linie Beautytipps, Produktempfehlungen und spricht über persönliche Themen. Immerhin 1,11 Millionen Abonnenten finden das gut. Bei der diesjährigen Bundestagswahl darf die Berlinerin, deren Eltern aus dem Irak stammen, das erste Mal wählen.

Jeder Erstwähler kann etwas verändern

Ob ihre Stimme zählt, möchte sie dann auch gleich in der ersten frage von der Kanzlerin wissen, wo es doch viel weniger Wähler unter 30 als über 60 gibt. Jede Stimme zähle gleich, erklärt Merkel, und in der Politik werde über die Zukunft der Jugend entschieden. Man könne den Rest der Zeit meckern und schimpfen, aber einmal alle vier Jahre habe jeder die Möglichkeit, Einfluss darauf zu nehmen, in welche Richtung die Politik geht.

Zur Wahl zu gehen sei ein Privileg, das es in vielen Ländern der Welt nicht gäbe. Merkel selbst ist in der DDR aufgewachsen, wo man zwar zur Wahl ging, aber keine Auswahl hatte. Gerade bei den Erstwählern sei aber die Wahlbeteiligung vor vier Jahren besonders gering gewesen. Wo der Kontakt verloren gegangen sei, fragt sich die junge Interviewerin.

Wie erreicht die Politik die Jugend?

Merkel gibt zu, dass Regierungsprogramme oft abschreckend sein können. Man gebe sich zwar mühe, dass diese verständlich formuliert sind, aber trotzdem sei das Programm nun einmal über 70 Seiten lang. Über das Internet versuche man, verschiedene Interessengruppen noch besser gezielt anzusprechen. Isik kommt darauf zu sprechen, dass im Vorfeld kritisiert worden sei, warum sie als Mode-Youtuberin das Interview führen dürfe und dass ihrer Community die Fähigkeit abgesprochen wurde, kluge Fragen zu stellen. Das sei für sie aber nur ein Zeichen, wo die Politik die jungen Menschen nicht erreicht. Welche konkreten Maßnahmen fallen Merkel dazu ein?

Angela Merkel berichtet von ihrem wöhentlichen Video-Podcast auf Youtube. Sie selbst sei auch per Facebook und per Instagramm zu erreichen. Man versuhe also, den Kontakt herzustellen. Merkel findet es aber auch „blöd“, einer jungen Frau, die sich mit Beautysachen beschäftigt, zu unterstellen, sich keine Wahlentscheidung erarbeiten zu können. Das sei absurd. Ihre Sorge sei eher, dass Politikverdrossenheit dadurch einsetze, dass die Unterschiede zwischen den Parteien nicht wahrgenommen werden.

Was macht Feminismus und Gleichberechtigung aus?

In einem Interview hatte die Kanzlerin gesagt, sie sei keine Feministin. Trotzdem nähmen viele Frauen sie als Vorbild. Sei es da nicht wichtig, eine solche Bewegung zu unterstützen, fragt Isik. Merkel entgegnet, sie habe sich in der Diskussion nicht mit fremden Federn schmücken wollen. Ihre Rolle sei viel bescheidener als die von Alice Schwarzer, die schon in Zeiten kämpfte, als die Ehefrau noch den Mann um Erlaubnis für eine Berufstätigkeit bitten musste. Sie habe sich falsch gefühlt, sich dort einzureihen nur weil sie die erste Kanzlerin sei. Königin Maxima habe aber gesagt, sich für Gleichberechtigung von Männern und Frauen einzusetzen, sei auch Feminismus. In dieser Vorstellung sehe sich die Kanzlerin schon eher. „Ist ja super,“ rutscht es Isik heraus.

Der Weg sei aber noch lang. In den Vorständen aller deutschen Firmen sei die Frauenquote bei nur sechs Prozent. In ihren Videos ginge es auch um „Slutshaming“, so Isik, und die Kanzlerin arbeite ja mit den größten Machos der Politik zusammen. Mit welchen Mitteln Merkel gegen sexismus innerhalb der Parteien kämpfe, möchte die junge frau wissen. MErkel setze sich dafür ein, dass keine anzüglichen Bemerkungen gemacht werden. Als Frauenministerin habe Merkel sich früh schon Gedanken darüber gemacht. Frauen seien von der Körpergröße her nicht so dominant und haben eine höhere Stimme. Diese Unterschiede dürfen aber keine Rolle spielen, wenn es um die Auseinandersetzung mit einem Thema geht. Außerdem achte sie darauf, dass jedes Thema gleich wichtig sei und die Familienthemen nicht hinter den Wirtschaftsthemen wie Gewerbesteuer zurückstehen würden.

Wie geht Merkel mit dem Hass um?

Isik fragt, ob es in der nächsten Regierung Merkel einen Frauenanteil von 50 Prozent geben werde. Das kann Merkel aber nur für ihre Partei zusagen. Die persönliche Frage am Ende richtet sich auf die Ablehnung und den Hass, dem man im Amt ausgesetzt ist. Merkel versuche, ihre Positionen immer gut zu reflektieren und dazu zu stehen. Hass empfindet sie als Unfähigkeit, die eigenen Argumente richtig vorzubringen. Sie ist davon unbeeindruckt und empfindet den Hass als die schlechtere Variante. Sie hat Hochachtung vor jedem, der die Diskussion und den Diskurs suche. Es erschüttere sie aber manchmal, wie viele Menschen sich anders nicht mehr ausdrücken können.

Ischtar Isik bedankt sich. Es sei übrigens ihr erstes Interview gewesen, fügt sie an. „Ihr erstes Interview im Leben?“ fragt Merkel „Sonst machen Sie immer nur Selbstdarstellung? Produkte oder wie?“ Schlagfertig. Dann fügt sie aber wohlwollend hinzu „Gut, aber ich würde sagen, Sie haben Talent.“

Zwischenfazit zum dritten Interview

„Nennen Sie doch mal ein Gebiet, das Sie interessiert, dann sage ich Ihnen vielleicht mal Unterschiede.“ Kanzlerin Merkel wollte die Möglichkeit beim Schopf packen, den jungen Menschen aufzuzeigen, dass die großen Parteien eben doch nicht alle gleich sind und es sich lohnt zur Wahl zu gehen. Die Youtuberin, die genau diese Politikverdrossenheit ihrer Altersgenossen kritisiert hat, lässt aber die Chance verstreichen und geht zur nächsten Frage über. Das war souveränes Zeitmanagement, aber nicht im Interesse ihres Anliegens. Für das erste Interview war es sicher trotz vieler Bezüge auf die eigene Person, die eigenen Videos und den eigenen Kanal, handwerklich in Ordnung, aber mehr eben auch nicht. Interviewerin und interviewte sind sympathisch aufgetreten. Ein Gespräch entwickelte sich aber bestenfalls im Ansatz. Isik stellte aber die aus meiner Sicht interessanteste, weil potenziell persönlichste Frage: Wie geht man als Politiker mit Hass um? Noch spannender wäre eine Diskussion darüber, wie man diesem als Gesellschaft begegnen kann und wie man diesen Menschen statt einer Forderung zu einem Argument verhelfen kann.

MrWissen2Go: Außen- & Flüchtlingspolitik, Airberlin-Rettung

Ein souveränes Interview über die heikelsten Fragen der Merkel-Politik. Die Kanzlerin erklärt, wieso man aus ihrer Sicht Fluchtursachen bekämpfen müsse, rhetorisches Aufrüsten vermeiden und keine Angst vor Islamisierung haben sollte.

Mirko Drotschmann kommentiert auf seinem Youtube-Kanal für Jugendliche MrWissen2go das politische Tagesgeschehen. Der ausgebildete Journalist, der früher einmal für die Kindernachrichten logo gearbeitet hat, geht auf aktuelle Nachrichtenlagen, Hintergründe und Allgemeinwissen ein. Drotschmann hat rund eine halbe Million Abonnenten. Von den vier Interviewern ist er mit 31 Jahren der erfahrenste. Auch in der Außenpolitik und die ist sein erstes Thema.

Das schwierige Verhältnis zur Türkei

Wie denn das persönliche Verhältnis der Kanzlerin zum türkischen Ministerpräsidenten Erdgogan sei, fragt er. Es gäbe viele Meinungsverschiedenheiten, räumt Merkel ein. Man sei aber in dem Modus, miteinander sprechen zu können und diese Meinungsverschiedenheiten auszutragen. Überzeugt habe man sich gegenseitig nicht und es seien leider auch mehr Probleme hinzugekommen als man noch vor zwei Jahren hatte.

Drotschmann fragt nach Deniz Yücel und den inhaftierten Deutschen in der Türkei. Warum die Bundesregierung hier noch nichts erreichen konnte, interessiert ihn. Man tue weiterhin alles, erklärt Merkel. Bei Deniz Yücel sei es besonders schwierig, da dieser die doppelte Staatsbürgerschaft hat. Man habe deutlich gemacht, dass die bilateralen Beziehungen in einer schwierigen Phase sind und mit Einschränkungen und Reisehinweisen für die Türkei reagiert. Die Türkei sei „wenig nachdenklich“ geworden, „längst nicht ausreichend“.

Auf die Frage nach der nächsten Eskalationsstufe, entgegnet Merkel, man habe bereits die Beitrittsverhandlungen zur EU ausgesetzt, die Vorbeitrittshilfen gekürzt. Man müsse aber immer daran denken, dass die Türkei nicht nur „aus Herrn Erdogan und der Regierung besteht“, sondern auch aus fast 50 Prozent Menschen, die gegen das Referendum gestimmt haben. Auch diese Menschen hätten Erwartungen an die EU. Diesen wolle man keine falschen Signale senden. Man könne nur weiter verhandeln, sprechen und keine falschen Kompromisse eingehen. Allerdings werde auch die Verbesserung der Zollbedingungen nicht kommen.

Angst vor einem Weltkrieg

Auch Nordkorea besorgt die Zuschauer von MrWissen2Go. Gerade seine jungen Zuschauer fragen sich, ob wir vor einem dritten Weltkrieg Angst haben müsse. „Nein,“ ist die entschlossene Antwort der Kanzlerin. Man tue alles und sie sähe auch diese Angst nicht. Merkel spricht sich noch einmal ganz klar gegen das „rhetorische Aufrüsten“ aus. „Es gibt keine militärische Lösung für diesen Konflikt,“ betont sie. Es muss verhandelt werden. Drotschmann fragt nun auch nach der Twitter-Rhetorik des US-Präsidenten.

Was Merkel denke, wenn sie einen Tweet von Trump nach dem Motto „Die Waffen sind entsichert“ lese, möchte er wissen. Merkel meint, man müsse insgesamt sehr vorsichtig mit der Sprache sein. Sprache sei oft die Vorstufe zu einer Eskalation, die in Gewalt münden kann. Sie stehe für eine diplomatische Lösung ein. Es sei aber auch natürlich, dass deutsche und amerikanische Interessen mal deckungsgleich und mal unterschiedlich seien. Gemeinsamkeiten gäbe es im Kampf gegen den internationalen Terrorismus, Unterschiede im Klimaschutz.

Flüchtlingsfragen und Islamisierung

Eine oft gestellte Frage sei auch die nach den Flüchtlingen, wo viele Menschen sich von Ängsten treiben lassen. Wie Merkel mit dieser Angst umgehe. Die Lage sei eine wirkliche humanitäre Notlage gewesen, erwidert Merkel. Deutschland habe damals ein sehr gutes Gesicht gezeigt in Form von Hilfsbereitschaft hauptamtlicher und ehrenamtlicher Menschen. Es sei aber natürlich auch klar, dass das nicht jedes Jahr so weitergehen könne. Damit 2015 sich nicht wiederhole, habe man als EU angefangen zu handeln, mit der Türkei zu reden und den Schleppern das Handwerk zu legen

Die Türkei habe 3 Millionen Flüchtlinge aufgenommen und dafür Hilfe der EU bekommen. Auch die großen Flüchtlingslager im Libanon und in Jordanien haben Hilfe bekommen, um Ernährung und Bildung sicher zu stellen. Merkel kann die Sorgen der Menschen in Deutschland verstehen. Sie sage ihnen aber auch, dass „wir nur gut und friedlich und sicher leben können, wenn wir uns nicht nur auf uns selbst konzentrieren sondern aufpassen, dass Menschen um uns herum vor Ort auch ein Auskommen haben“.

Drotschmann fragt gezielt nach der Angst vor einer „Islamisierung“. Merkel glaubt, man solle dm selbstbewusst begegnen. Man sei ein Land mit Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit aber dazu gehöre auch die Einhaltung der deutschen Gesetze. Deshalb könne keine Religion eine Dominanz entfalten. Sie fordert die Menschen auf, auch stärker den eigenen christlichen oder jüdischen Glauben zu leben. Die Frage, wie viele Flüchtlinge Deutschland noch aufnehmen könne, möchte Merkel nicht mit einer Zahl beantworten. Man solle lieber die Fluchtursachen bekämpfen und die illegale Migration einzugrenzen. Auch könne man gar nicht sagen, wie viele Fachkräfte gebraucht werden.

Die Airberlin-Pleite

Das Interview endet mit einem aktuellen Thema. Am Tag zuvor hatte airberlin Insolvenz angemeldet und 8.600 Jobs sind dadurch in Gefahr. Die Bundesregierung hat einen Kredit zugesagt. Vor dem Hintergrund möchte Drotschmann wissen, wie groß die Chancen seien, dass der Steuerzahler die Rettung von airberlin zahlen müsse. Die sei relativ gering, meint die Kanzlerin. Andernfalls hätte man den Überbrückungskredit nicht geben dürfen. Auch in Brüssel sei der Vorgang genehmigt worden. Vor allem wollte man die Tausende Reisenden nicht im Stich lassen.

Ganz zum Schluss kommt noch wie bei den anderen Interviewern auch die persönliche Frage. Als junger Vater bekomme Drotschmann sehr wenig Schlaf. Das sei sicherlich auch bei der Kanzlerin so. Wie sie die 24-Stunden-Gipfeltreffen mit Staats- und Regierungschefs denn überstehe, möchte er wissen. Tricks habe sie nicht, meint Merkel und ab und an schlafe sie ja auch mal. Ein wenig hänge das mit der Konstitution zusammen.

Zwischenfazit zum vierten Interview

„Muss da nicht noch mehr passieren?“ Drotschmann fragt von den Interviewern am gezieltesten nach und hakt immer wieder auch nach, wenn er glaubt, die Frage wie die nach den ersten Gedanken bei einem Trump Tweet sei noch nicht oder zu indirekt beantwortet worden. Er hat die streitbarsten Themen und navigiert sicher durch das Interview.

Fazit: Ein Stück politische Bildung

Das vierteilige Interview erfüllt genau den Zweck, den es soll. Zwar wurden die Youtuber von den klassischen Print- und Onlinemedien unter journalistischen Maßstäben kritisiert. Zu wenig sei nachgefragt worden, das Interview habe nichts neues ergeben. Aber das war auch gar nicht das Ziel.

Natürlich hat man einigen der Interviewer ihre Unerfahrenheit hier und da etwas angemerkt, natürlich hätte es Themen gegeben, wo man als erfahrenerer Journalist stärker hätte nachfragen können. Selbstverständlich ist wenig Neues dabei, wenn man eine routinierte Rednerin wie Angela Merkel interviewt. Trotzdem gab es schöne Momente, die auch hinter die Fassade haben blicken lassen und in denen die Kanzlerin menschelte. Sie hat sich gut geschlagen, ging auf ihre Interviewer ein, zeigte sogar technisches Fachwissen und landete humorvolle Bemerkungen.

Die Youtuber stellten Fragen, die aus ihrer Community kamen und deren Interessen repräsentierten. Wieso hätten hier also investigativ-journalistische Perlen dabei sein sollen? Das Interview war vor allem eins: Politische Bildung für die Generation Youtube, die mit Politik sonst wenig Berührungspunkte hat. Es war kein politischer Diskurs, kein Verhör und keine politische Debatte. Die Fragen zeigten die Bildungslücken auf und konnten im Interview geschlossen werden. Insgesamt ergab sich ein umfassendes Bild über aktuelle politische Fragen.

Handwerklich war das Interview gut und unterhaltsam. Der starre Zeitrahmen und der Wunsch, möglichst viele Fragen abzuhandeln, stand dabei ein wenig der Gesprächsentwicklung im Weg, aber das war genau der Kompromiss, den man eben machen musste. Das Format hat vor allem eins: Die Politik in die Digitale Welt transferiert und viele Zuschauer erreicht. Am Ende des Tages kann man der Kanzlerin zustimmen oder auch nicht. Wichtig ist, sich eine Meinung zu bilden und wählen zu gehen. Auch wenn man im Youtube- und Facebook-Universum aufgewachsen ist und vielleicht zum ersten Mal zur Wahlurne geht.

Mirko Drotschmann arbeitete im Übrigens die Vorwürfe vieler Medien, das Interview „vergeigt“ zu haben, auf seinem Kanal noch einmal auf. Dem ist wenig hinzuzufügen.

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