Jochen Schweizer verkauft Digitalsparte an ProSiebenSat.1

Was für eine Ablösesumme! ProSiebenSat.1 übernimmt „Jochen Schweizer“ zu einer Bewertung von 108 Millionen Euro und fusioniert den Erlebnisgeschenke-Anbieter mit der bereits vor vier Jahren akquirierten mydays GmbH. Zusammengeführt werden die Unternehmen in der neuen Jochen Schweizer mydays Holding GmbH. Bis auf weiteres sollen beide Marken als unabhängige Marktteilnehmer bestehen bleiben und einander komplementär ergänzen. Die Marke Jochen Schweizer stehe dabei eher für Adrenalin, Mydays sei „softer und emotionaler“, heißt es aus dem Senderumfeld. Damit verbünden sich die beiden Marktführer des Geschenkgutschein-Segments gegen starke internationale Konkurrenten, namentlich Amazon und AirBnB, die vermehrt in den Markt drängen. Da dennoch eine marktbeherrschende Stellung befürchtet werden kann, steht der Deal unter dem Vorbehalt der Genehmigung durch die Kartellbehörden.

Der Zusammenschluss ist eine strategische Entscheidung

Der Exit betrifft die Digitalsparte der Jochen Schweizer Unternehmensgruppe, die im letzten Jahr erstmals über 75 Millionen Euro umsetzte. Der Unternehmenswert von 108 Millionen Euro entspricht einem Verhältnis aus Unternehmenswert und EBITDA von rund 11x per Ende des letzten Jahres. Jochen Schweizer, der vielen Deutschen aus der VOX Gründershow „Die Höhle der Löwen“ als Investor bekannt ist, wird noch mit 10 Prozent an der fusionierten Firma beteiligt sein. Der Rest der Anteile liegt bei ProSiebenSat.1. Das Unternehmen profitiert damit von TV-Reichweiten, die der Neu-Eigentümer mit einbringen wird. Die rund 45 Prozent Anteil der Sendergruppe am TV-Werbemarkt können helfen, die Markenbekanntheit noch mehr zu fördern.

ProSiebenSat.1 hat 1 Mrd. Euro für Zukäufe

Aus Sicht der Unterföhringer Sendergruppe ist der Zukauf ein wichtiger Schritt in der Commerce-Strategie, für Jochen Schweizer bedeutet das Bündnis vor allem ein schnelleres Wachstum des Digitalgeschäfts. Das Geld für den Zukauf kommt aus einer Kapitalerhöhung, mit der Konzernchef Thomas Ebeling im November seine Aktionäre überraschte. Zusammen mit den Exiterlösen aus dem Verkauf des Flugreiseportals Etraveli, hatte ProSiebenSat.1 zuletzt rund eine Milliarde Euro auf der hohen Kante. Der Zukauf dürfte somit nur der erste einer ganzen reihe von Erweiterungen des Digitalgeschäfts sein. Lediglich 40 Prozent der Erlöse kommen aktuell noch aus dem klassischen TV-Segment.

Jochen Schweizer behält sein Event-Geschäft

Die Fusion ist eine strategische, denn – so heißt es – es habe viele Interessenten für den Kauf der Gutscheinsparte gegeben, auch solche, die mehr Geld geboten haben sollen, aber am Ende entschied die Expertise, die der DAX-Konzern mit dem Kauf und Betrieb von mydays erwiesen hatte. In den ersten drei Jahren der Konzernzugehörigkeit hatte mydays seine Umsätze verdoppeln können. Schweizer, der über viele Jahre das Gutscheingeschäft in Deutschland groß gemacht hat und über ein weit verzweigtes Firmenkonstrukt regiert, konzentriert sich derzeit auf sein Offline-Segment und baute zuletzt bei München die Jochen Schweizer Arena, eine Art Erlebnissport-Freizeitpark. Mit insgesamt 15.000 qm Fläche bietet die neue Arena eine Indoor-Skydiving-Anlage und eine Surf-Anlage mit kümstlicher Welle. Ein Flying Fox-Parcour und ein Hochseilgarten sowie ein Kinderspielplatz runden das Outdoor-Angebot ab. Neben Familien und Erlebnisbegeisterten richtet sich die Arena auch an Firmen und Eventveranstalter.

69 Millionen Euro bilanzieller Fehlbetrag?

Ein womöglich nicht ganz ausgewogener Bericht des Manager-Magazins hatte im Mai noch Fragen aufgeworfen, wie es um die Wirtschaftlichkeit des digitalen Gutscheingeschäfts von Jochen Schweizer steht. Der nicht durch Eigenkapital gedeckte Fehlbetrag lag im Jahresabschluss mit 69 Millionen Euro bei rund 60 Prozent der Bilanzsumme. Den 9,5 Millionen Euro Liquidität würden 107 Millionen Euro Verpflichtungen entgegen stehen, die für Gutscheineinlösungen an Partner gezahlt werden müssten. Das Unternehmen hielt entgegen, dass Zahlungen für Gutscheine erst zu dem Zeitpunkt in der Bilanz als Umsatz ausgewiesen werden dürfen, wenn sie tatsächlich eingelöst sind. Hierdurch und durch die lange Laufzeit der Gutscheine von bis zu vier Jahren, entstehe eine zeitliche Verschiebung, die für die Gutscheinbranche jedoch üblich sei. Jochen Schweizer verwies hierzu auf die positive Bilanzierung nach dem International Financial Reporting Standard (IFRS). Spätestens mit dem Kauf durch die Sendergruppe dürften etwaige Zweifel an der wirtschaftlichen Nachhaltigkeit des Geschäftsmodells beseitigt sein.

Schweizer steigt aus „Die Höhle der Löwen“ aus

Jochen Schweizer hatte zuletzt verkündet, nicht mehr für die vierte Staffel „Die Höhle der Löwen“ als Investor zur Verfügung stehen zu wollen. Ersetzt wird er von Dagmar Wöhrl. Offiziell begründet hatte er den Rückzug mit einer Refokussierung auf sein Kerngeschäft. Inoffiziell war von Zänkereien mit den anderen Löwen die Rede. Dem neuen Mitgesellschafter ProSiebenSat.1 dürfte es womöglich gefallen, dass sein Markenbotschafter nun nicht mehr den Erfolg des Konkurrenzsenders VOX befeuert. Schweizer, der in den ersten Staffeln durch betriebswirtschaftliche Tipps und markante Sprüche aufgefallen war, wirkte in der dritten Staffel neben „Mr. Regal“ Ralf Dümmel und dessen Höhle der Löwen Produkten weitgehend glanzlos. Erfolg brachte seiner Marke die TV Präsenz trotzdem. Immerhin 70 Prozent der werberelevanten Zielgruppe der 20- bis 59-Jährigen kennen laut einer GfK Studie die Marke Jochen Schweizer. Mydays kannten hingegen nur 40 Prozent.

Bildnachweis: Pressefoto jochenschweizer.de

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