2 Millionen für die Internet-Päpstin: Christian Lindner (FDP) im Gründerporträt

Christian Lindner (Foto: Martin Rulsch)
Christian Lindner (Foto: Martin Rulsch)

Seit seinem leidenschaftlichen Plädoyer für den Gründungswillen und die Startup-Kultur (auch des Scheiterns) ist der FDP-Bundesvorsitzende Christian Lindner in aller Munde. Der kennt sich nämlich nicht nur aufgrund jüngerer Parteigeschichte, sondern auch aufgrund seines eigenen beruflichen Lebenslaufes mit dem Scheitern aus. Bereits dreimal in seinem Leben hat Lindner Unternehmen gegründet, die unterschiedlich erfolgreich waren. Dies war auch Anlass für den SPD Zwischenrufer Volker Münchow und Auslöser für Lindners Wutrede. Dumm nämlich, dass Ministerpräsidentin Hannelore Kraft nur wenige Minuten zuvor davon sprach, man dürfe jungen Unternehmensgründern nicht ein Leben lang ihr Scheitern als Stigma nachtragen. Nachdem Lindners Wutrede zum viralen Hit wurde, feiern viele schon das große Comeback der FDP. Andere honorieren zumindest die Eloquenz mit der der FDP-Politiker den SPD-Mann in Grund und Boden redet. Vereinzelt wird aber auch leise Kritik an Lindners Scheitern als Gründer laut. Grund genug, sich auch einmal mit dem Gründer Christian Lindner auseinander zu setzen.

1997 – 2004

Lindner + Peterka Werbeagentur GbR
Geschäftsführender Gesellschafter

Werbeagentur (bis 1998 gemeinsam mit Christopher Peterka)

1999 – 2002

knüppel,lindner communications GmbH
(ehem. die Königsmacher GmbH)
Geschäftsführender Gesellschafter

Unternehmensberatung (gemeinsam mit Hartmut Knüppel)

2000 – 2001

Moomax GmbH
Geschäftsführender Gesellschafter

Software Solutions (gemeinsam mit Christopher Peterka und Hartmut Knüppel, finanziert durch Enjoyventure)

Mit dem Porsche zur Uni

Die unternehmerischen Gehversuche Lindners, das war vor allem die Ära des Gründertrios Lindner, Knüppel und Peterka. Christoph Lindner und Christopher Patrick Peterka gründeten bereits zu Schulzeiten gemeinsam die Lindner + Peterka Werbeagentur GbR, die Lindner bis 2004 betrieb, als er ein hohes Parteiamt übernahm. Nachdem Peterka die Firma 1998 nach einem Jahr wieder verlassen hatte, führte Lindner das Geschäft neben Zivildienst und seinem Studium der Politikwissenschaften alleine weiter. Berichten zufolge soll sein Umsatz bereits bei über einer Million Mark gelegen haben – genug, um im Porsche zur Uni zu fahren, als er 1999 den 26 Jahre älteren Hartmut Knüppel kennenlernte. Der promovierte Wirtschaftsingenieur war persönlicher Referent von Hans-Dietrich Genscher, Mitbegründer der „Jungen Liberalen“ und zu damaliger Zeit gerade Mitglied der Geschäftsführung des Bunds deutscher Banken. Lindner und Knüppel lernten sich auf einem Seminar der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung kennen.

hartmut-knueppel
Mitgründer Hartmut Knüppel

Dr. Hartmut Knüppel (61) verbindet in seinem beruflichen Werdegang Wirtschaft und Politik. Der promovierte Wirtschaftsingenieur war Mitbegründer der politischen Jugendorganisation „Junge Liberale“ und persönlicher Referent von Hans-Dietrich Genscher. Nach Stationen als Industrie-Pressesprecher und als Institutsleiter einer politischen Stiftung arbeitete er viele Jahre als Geschäftsführer des Bundesverbands deutscher Banken. Nach seiner Selbstständigkeit als Kommunikations- und Strategieberater wechselte er zur Dresdner Bank, zunächst als Pressechef in Frankfurt und dann als Leiter Public Affairs in der Bundeshauptstadt. Seit März 2008 ist er Geschäftsführender Vorstand des Deutschen Derivate Verbands (DDV). (Quelle: Eigene Angaben auf LinkedIn)

Von Königsmachern und Avataren

Ende 1999 gründeten Hartmut Knüppel und Christian Lindner die Unternehmensberatung Die Königsmacher, welche später in knüppel, lindner communications umfirmierte. Der Geschäftsbetrieb kam jedoch nie richtig ins Laufen, da den beiden bereits im Frühjahr 2000 eine neue Geschäftsidee kam. Der neue Markt war am boomen und mit Second Life war ein erstes Internet-Massenphänomen geboren. Viele Internetnutzer begannen sich in der virtuellen Realität von LindenLabs eine Zweitidentität aufzubauen. Der Lindendollar fungierte als Kryptowährung, die einige Anbieter virtueller Güter zu respektablem Einkommen verhalf, und das Segment Virtual Reality boomte derart, dass große Unternehmen virtuelle Repräsentanzen in Second Life eröffneten.

Zu dritt mit Christopher Peterka gründeten Knüppel und Lindner die Moomax GmbH. Im Handelsregister wird als Geschäftszweck eingetragen „die Entwicklung und das Design komplexer Software-Lösungen, insbesondere für die mobile Kommunikation“. Es geht um digitale Avatare. Diese sollten als digitale Kundenberater von Unternehmen mit Website-Nutzern interagieren. Profilierung der Nutzer und personalisierte Ansprache spielten hierbei eine große Rolle. Christian Lindner schrieb sogar ein Buch über das Thema. Das Stammkapital der GmbH betrug seinerzeit 30.000 Euro. Weitere 600.000 Euro kamen von dem damals noch unerfahrenen Risikokapitalfonds Enjoyventure, einem Wagniskapitalgeber, für den Moomax erst die zweite Investition war. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) hebelte das Investment durch einen Kredit um weitere 1,4 Mio. Euro auf eine Gesamtfinanzierung in Höhe von 2. Mio Euro.

Moomax GmbH im Portfolio der Enjoy Venture
Moomax GmbH im Portfolio der Enjoy Venture

Moomax GmbH – eine Beteiligung der Langen Venture Capital (LVC)
Anbieter von Dialogführungssystemen an der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine. Gründung im Mai 2000 mit Folgefinanzierung im Oktober 2000. Wegen konjunkturbedingt nur schleppender Aufnahmebereitschaft seitens der adressierten Kunden (insbes. Markenanbieter) wurde der Geschäftsbetrieb im Oktober 2001 geordnet eingestellt.

Die Internet-Päpstin

Parallel zur Osteransprache des Papstes auf dem Petersplatz in Rom ging das erste Projekt der Moomax GmbH online. Es handelte sich um einen Showcase, der helfen sollte, die Technologie an den Mann bzw. an die Unternehmen zu bringen: Die virtuelle Päpstin. – Das digitale Religionsoberhaupt hatte Antworten zu 7000 Fragen der Spiritualität, Kirche und Kirchenpolitik und lud zur virtuellen Audienz nach der Verkündung ihrer eigenen Osterbotschaft. Ein 17-köpfiges Team aus Drehbuchautoren, Medienschaffenden, Psychologen, Linguisten und Programmierern verpasste der Päpstin obendrein eine eigene Biografie. Videos und Dokumente berichteten von der „Erschaffung eines künstlichen Wesens im Vatikan und seiner anschließenden Flucht in die freie Welt des Internet“. Realisiert wurde die Seite mit Flash 5, ohne das die Seite nicht aufrufbar war.

Im Rückblick darf man das gerne belächeln und hinterfragen. Heutzutage würde man das Projekt sicher als recht nerdig betrachten, als kostspielige virale Kampagne oder zumindest als Mittel zum natürlichen Linkaufbau zur Website. Zu Hochzeiten der New Economy hätte daraus tatsächlich eine Erfolgsgeschichte werden können. Das Internet mit all seinen Marketingkanälen steckte noch in den Kinderschuhen, Second Life war „The next big thing“ und Robert T-Online kasperte über den TV-Bildschirm.

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Die Blase platzt

Das Geld, welches die Moomax in Tranchen ausgezahlt bekam, floss neben dem Showcase in den weiteren Aufbau des Unternehmens und in die Gehälter der ca. 10 Angestellten. Dann platzte die Web 2.0 Blase und die Unternehmen der New Ecomony starben wie die Fliegen. Darunter auch viele potenzielle Kunden der Moomax. Die Nachfrage sank mit Wegbrechen der Kundenbasis und Kürzung der IT-Budgets. 18 Monate hielt das Unternehmen insgesamt durch, bevor es in die Insolvenz geführt wurde. Lindner war zu diesem Zeitpunkt bereits ein halbes Jahr lang nicht mehr als Geschäftsführer an Bord.

Vorwerfen kann man Lindner und seinen Mitgründern das Scheitern sicher nicht. Aus damaliger Sicht konnte man das Business Konzept als erfolgversprechend betrachten. Die Money-Burn-Rate mag hoch gewesen sein, aber das sieht man oft bei Gründern, die sich an einem ihnen noch fremden Geschäftsfeld probieren, in dem ihnen die Erfahrung fehlt. Selbstverständlich haben Knüppel, Peterka und Lindner damals 1,4 Mio. Euro öffentliche Gelder in den Sand gesetzt. Da waren sie aber sicher nicht die einzigen in Zeiten des neuen Marktes und auch die Kreditvergabepraxis war jener Tage so absolut üblich. Lindner hat recht, wenn er Kritiker darauf hinweist, dass es der Enjoyventure Fonds war, der den KfW-Kredit erhielt und nicht die Moomax GmbH oder einer der Gesellschafter persönlich. Genauso gut hätte jeder andere Wagniskapitalgeber hier sein Geld in den Sand setzen können. Wenn überhaupt, muss man die Vergabepraxis wohl der KfW vorhalten.

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Fail. Fail again. Fail better.

Damals wurden Rufe nach mehr Regulierung laut, heutzutage rufen alle nach mehr staatlicher Förderung von Wagniskapital. Wir werden noch lange warten müssen, bis Politik und Wirtschaft sich hier auf einen zufriedenstellenden Mittelweg geeinigt haben. SPD-nahe Kreise halten Lindner weiterhin auch heute noch vor, zum Zeitpunkt der Gründung längst Abgeordneter mit sicherer monatlicher Diät aus Steuermitteln gewesen zu sein. Er saß „finanziell gesichert“ im Landtag, während sein Startup scheiterte (und konzentiert sich seither im Übrigen auf die Politik). Das Argument hält jedoch ebenfalls nicht lange stand. Anders als die Abgeordneten, die aus einem Beamtenverhältnis kommen, müssen Abgeordnete aus der freien Wirtschaft selbst für den Fall vorsorgen, dass sie eines Tages einmal nicht mehr wiedergewählt werden. Verflechtungen von Politikern und Wirtschaftsunternehmen sind bei einer strikten Trennung zunächst nicht verwerflich und an sich nicht ungewöhnlich.

Vielleicht ginge es Deutschlands Gründern besser, wenn mehr Politiker Gründungserfahrung hätten. Vielleicht gingen weniger Gesetze an den Realitäten der Digitalwirtschaft vorbei. Vielleicht hätten wir in Deutschland eine andere Kultur des Scheiterns – näher an dem amerikanischen Vorbild, an dem wir uns immer wieder messen lassen müssen. Eignet sich Christian Lindner nun als Vorbild? Sicherlich soweit wie jeder (auch jeder gescheiterte) Gründer einem Gründungswilligen als Vorbild dienen kann. Nicht umsonst gibt es mittlerweile die Fuckup-Night, auf der Startup-Gründer erzählen, warum sie gescheitert sind und was sie daraus gelernt haben. Wichtig ist, aus jedem Fehler Learnings zu generieren. Schon Samuel Beckett sagte:

„Ever tried. Ever failed. No matter.
Try again. Fail again. Fail better.“

Christian Lindner und Volker Münchow haben mit dem Zwischenfall im Landtag zur Diskussion der Scheiternskultur in Deutschland einen wichtigen Beitrag geleistet.

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