„Der Deutsche Obama“ – Reaktionen auf Lindners Wutrede

lindner-wutredeVier Tage nachdem Christian Lindners Wutrede als Reaktion auf einen SPD Zwischenrufer im NRW Landtag zum viralen Hit bei Youtube wurde, verbreitet sich das Video noch immer wie ein Lauffeuer. Weit über 2,5 Millionen Menschen haben den Clip bereits gesehen. Der Rhetorik-Experte der „Welt“ erkennt sogar einen deutschen Obama in der Rede. Lindner erhält derzeit überwältigende Zustimmung von allen Seiten, muss aber vereinzelt auch Kritik einstecken. Während Lindner die Gunst der Stunde und seine neue Popularität clever nutzt, wirkt die SPD wie gelähmt. Auch die anderen Parteien schweigen sich aus.

Die Wutrede im Landtag

Eigentlich waren sich der FDP-Bundesvorsitzende und die NRW-SPD-Ministerpräsidentin einig: Wer als Gründer scheitert, dem muss auch irgendwann vergeben werden und sein Scheitern nicht lebenslänglich vorgehalten werden. SPD-Mann Münchow griff den FDP-Abgeordneten jedoch verbal an, als dieser über Gründerkultur und Scheitern sprach, immerhin hatte dieser in seinen Zwanzigern schon mal ein Startup gegründet, welches im Rahmen der New Economy Blase in die Insolvenz ging. Lindner watschte Münchow vor dem versammelten Landtag wortgewandt als Ewig-Gestrigen ab und ist seither ein Internet-Star.

So reagierten Volker Münchow & die SPD

„Das ist eigentlich eine Lappalie“

Volker Münchow
Volker Münchow

Der SPD-Mann, der bisher im Landtag eher unauffällig war, kam durch seinen Zwischenruf zu unverhoffter, wenn auch zweifelhafter Bekanntheit. Nach überwiegender Meinung der Netzuser wurde er von Lindner hoffnungslos abgewatscht und hat der SPD mit seinem Zwischenruf eher einen Bärendienst erwiesen. Seither ist es sehr still geworden und es scheint fast, als sei der Abgeordnete wieder in der Versenkung verschwunden. Nur gegenüber der Rheinischen Post äußerte sich der Politiker und gab sich bemüht, den Zwischenfall herunterzuspielen.

„Das ist eigentlich eine Lappalie,“ gibt Münchow zu Protokoll. So einen Zwischenruf habe er bei Lindner schon 25 Mal gemacht. Auch habe er anders als von Lindner in der Rede angenommen bereits in der freien Wirtschaft und noch nie im öffentlichen Dienst gearbeitet. Der Wucht des Viralhits hat Münchow aber wenig entgegen zusetzen. Dass er die Regierungserklärung der Ministerpräsidentin konterkariert habe, sieht er anders. Es bleibt dem Ein oder Anderen beim Lesen seiner Statements wohl der fade Beigeschmack eines Hinterbänklers, der gar nichts böses, sondern eigentlich nur mal etwas rumstänkern und den politischen Gegner persönlich angreifen wollte. Vermutlich wird er vor dem 27sten Zwischenruf bei Lindner zweimal überlegen.

„Selbstgerecht und scheinheilig“

Die SPD-nahe Seite „Deine SPD“, nach eigenen Angaben „ein digitaler Zusammenschluss von SPD-Mitgliedern“ zollt Lindner zunächst Respekt für seinen offenen Umgang mit der eigenen Gründerhistorie sowie für seinen rhetorisch brillanten Vortrag und gibt ihm in der Sache recht. Zugleich greifen die Autoren jedoch Lindner persönlich an und bezeichnen die Wutrede als selbstgerecht und scheinheilig. Lindner habe mit seinem Unternehmen 1,2 Mio Euro öffentlicher Fördergelder in den Sand gesetzt. Verschwiegen wird allerdings, dass der Venture Capital Investor die öffentlichen Gelder zur Hebelung seines Investments erhielt (siehe „Christian Lindner im Gründerporträt„), und gar nicht Lindner selbst. Neben persönlichen Angriffen gegen den FDP-Mann und Ex-Gründer, werden noch einige Richtigstellungen aufgelistet:

deinespdEs ist ausgesprochen zynisch, dass ausgerechnet Lindner, der in nicht mal zwei Jahren mehr Steuergelder in den Sand gesetzt hat, als ein Lehrer oder Polizist im ganzen Berufsleben verdienen kann, so über Staatsdiener herzieht. Außerdem irrt er sich, wenn er Sozialdemokraten unterstellt, vorwiegend im Staatsdienst tätig zu sein: Von den 99 Abgeordneten der SPD im  Landtag von NRW kommen gerade einmal 25 aus dem öffentlichen Dienst. (Dieter Wischnewski, Quelle: deinespd.de)

Auf eine emotionale Rede mit Fakten zu reagieren, mag den Autoren im Moment eine gewisse Genugtuung des Rechthabens verschaffen. Als Kommunikationsstrategie dürfte es jedoch wenig erfolgreich sein. Auffällig auch: Weder Hannelore Kraft noch Volker Münchow oder die offiziellen SPD-Kanäle haben den Vorfall bisher kommentiert. Es wäre dabei die einmalige Gelegenheit, sich hier ebenfalls zu profilieren. Hoffentlich spiegelt das lediglich die Ratlosigkeit der großen Bürgerpartei im Umgang mit digitalen und sozialen Medien und nicht deren Grundeinstellung zur Digitalwirtschaft. Es böten sich hier sicherlich viele kluge Ansätze, auf der Welle des Viralhits mitzusurfen, Selbstironie zu beweisen und mit Konzepten und Inhalten zu kontern. Es scheint jedoch an Social Media Experten zu mangeln.

So reagierten Christian Lindner & die FDP

Lindner zeigte sich vom Echo auf seine Wutrede total überrascht. Gegenüber der „Welt“ äußerte Lindner, es ginge vielen der öffentliche Neid und die Häme auf die Nerven, weil sie Respekt vor dem Mut von Gründern haben. Er freue sich, „dass die Gründerkultur in Deutschland aus diesem Anlass jetzt die Aufmerksamkeit bekommt, die sie verdient.“ Auf Twitter bedankte Lindner sich auch sogleich für die tolle Resonanz, die immer noch nicht abebbt.

„Die FDP ist auch ein Startup“

Am 02. Februar traf Christian Lindner sich mit Gründern im Hamburger Betahaus. Mit kernigen Aussagen wie „Die FDP ist auch ein Startup“ punktet er erneut. Lindner weiß, dass derzeit alles Augenmerk der Startup-Wirtschaft auf ihn gerichtet ist.

 Republik der Chancen.

Auf Twitter postete er später ein Impulspapier zur Gründungskultur, das angeblich aufgrund von hunderten Zuschriften entstand, inhaltlich aber weitgehend deckungsgleich mit seiner Rede im Landtag ist. Christian Lindner weiß den Moment zu nutzen, um für seine zuletzt stark gebeutelte Partei zu werben. Das erhöht die Sichtbarkeit der FDP, welche zuletzt nur noch durch einen oft verspotteten farblichen Relaunch des eigenen Corporate Designs auf sich aufmerksam machen konnte.

Bock auf Gründen

Die JuLis NRW reagierten ebenfalls prompt mit der Forderung nach drei Sofortmaßnahmen und riefen dafür einen eigenen Hashtag ins Leben:

So reagiert die Szene

Auf den Social Media Kanälen diverser Startup Branchenmagazine wie Deutsche Startups oder Gründerszene äußern viele Gründer ihre Solidarität. Man kann von Lindner und der FDP halten, was man möchte,  da sind sich alle einig, dieser Mann sprach vielen aus der Seele. Einige Zitate:

 Ich werde in diesem Leben kein Lindner-Fan mehr. Aber hier spricht er mir aus der Seele. Denn diese Art Klugscheisserei von Leuten, die selbst noch nie etwas Signifikantes geleistet haben, ist der Grund für das extrem innovationsfeindliche und gründungshemmende Klima in diesem Land. (Falk Schmidt auf FB Gründerszene)

Ich mag den Lindner sonst nicht so.. Aber dieser Konter trifft es auf den Punkt! (Thorsten Sass, ebenda)

Der Mann weiß eben, von was er redet. Ist in der Politik, insbesondere auch der der FDP, nicht immer der Fall. Glück auf! (Markus Simoneit, ebenda)

Ich als SPDler, gebe dem Mann in einigen Punkten Recht – Gründer haben es sehr schwer! Wobei ich mich, auch als Gründer, als „Sozialdemokratischen Unverteiler“ sehe! (Antonio Pelivan, ebenda)

Auch bei Youtube meldeten sich Gründer zu Wort – so z.B.

René Michels (Cubert GmbH)

Hauptaussagen:

  • Christian Lindner hat seine Chance gesehen, die Vorlage versenkt und dabei noch Spaß gehabt.
  • Viele Leute fragen nun nach, was Lindner damals falsch gemacht hat und was man ihm vorwerfen kann.
  • Damals waren alle Firmen überbewertet. Einige Firmen wie Apple, Google & Co haben es jedoch geschafft. Insofern war die Blase keine echte Blase sondern der Markt bot auch reelle Chancen.
  • Lindner hat vor 14 Jahren ein Unternehmen an die Wand gefahren. Das kann man niemandem mehr vorwerfen. Lindner war damals 24jähriger Student. Die Bank hat ihm freiwillig das Geld gegeben und wusste, dass es sich um Wagniskapital handelt. Warum wird Lindner und nicht der Bänker angegangen?
  • Gründen ist ein steiniger Weg und wer den Mut hat, dem schuldet man Respekt. Wer denkt, schlauer zu sein, soll sein Geld gerne an den Aktienmärkten investieren.

Florian Eckelmann (Strt Up Kids)

Hauptaussagen:

  • Lindners Rede war cool und Lindner hat recht. „Jeder tritt mal in die Scheiße“. Die Kunst ist es, daraus zu lernen und daher sollte man niemandem das Scheitern vorwerfen.
  • Schadenfreude geht in die falsche Richtung.
  • Es geht nur darum, immer nach Vorne zu gehen.

Weitere Reaktionen

Insgesamt muss man sagen, dass die Medien das Thema sehr reißerisch und überspitzt aufgegriffen haben. Bereits die Bezeichnung als „Wutrede“ scheint mehr ein Virales Label als eine Beschreibung des Gemütszustands des FDP-Vorsitzenden zu sein. Lindner ist nicht wütend. Lindner triumphiert. „Christian Lindner flippt aus,“ titelten der Stern und das Branchenmagazin Deutsche Startups, „FDP-Chef keilt aus“ die FAZ und seither wird in den Medien enthüllt, diskutiert, kritisiert und analysiert, was das Zeug hält.

Ein Deutscher Obama – „jung und rebellisch“

Warum ist das Video so erfolgreich? Diese Frage beschäftigte auch die Medien. Die Zeitung Die WELT, die großen Anteil an der Verbreitung des Videos hatte, setzte sogar einen Rhetorik-Experten auf die Analyse an und bescheinigt Lindner Authentizität, echte Emotionen  und Parallelen zu Barack Obama. Rhetorik-Experte Dirk W. Eilert attestiert:

„Lindner sagt, was er fühlt, und er fühlt, was er sagt.“ Und am Ende wurde aus der Wut auch noch Humor. Nichts sei geplant gewesen. „Die Emotionen waren echt und kamen von innen“, sagt Eilert. „Und das bei einem Politiker: Das hat den Leuten gefallen.“

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Stefan Jänisch

Stefan Jänisch beschäftigt sich seit 2006 mit Marketing, Digitalwirtschaft und aktuellen Trends wie Liveshopping, Crowdinvesting, Mass Customization, Abo-Commerce, Curated Shopping und Couponing.